Hitflop und Co, Vorsicht bei Tauschportalen

Tja, die schöne neue Welt des Tauschens. Man liest es überall. Die kulturelle Avantgarde Deutschlands diskutiert im Feuilleton über die „besitzlose Gesellschaft“, „Sharing Economy“ und wie das alles heißt. Nachdem ich zum Frühstück in der neuen brandeins gelesen hatte, deren Thema natürlich auch das Tauschen war, dachte ich mir: Ich hab da im Keller seit Jahren die Kartons voller oller Horrorfilme herumstehen, die vermodern langsam, probieren wir das Tauschen damit doch mal aus. FSK-18-Filme loswerden ist sowieso nicht so einfach. Ebay erlaubt keine Verkäufe für Artikel ohne Jugendfreigabe. Aber Tauschportale wie hitflip.de und tauschticket.de ermöglichen dies.

Wikipedia wusste nichts abgrundtief böses über Hitflip oder Tauschticket zu berichten. Ich meldete mich in meiner Anfängernaivität also bei hitflip.de an und fing gleich an, ein paar meiner Filme in das Portal zu stellen. Zu jedem Film machte mir die Seite Vorschläge für den Preis. Nicht in Euro sondern in „Flips“. Das ist die virtuelle Währung auf Hitflips.de. Hat vielleicht rechtliche Gründe, dachte ich mir. Wenige Minuten, nachdem ich meine ersten Filme eingestellt hatte, kamen auch schon die ersten Tauschanfragen. Auf Hitflip gibt es eine Wartelistefunktion. Dabei dachte ich mir erst einmal nichts. Jemand hat scheinbar vor Tagen, Wochen, Monaten eine Anfrage für einen meiner Filme gestellt, einen Maximalpreis und einen Mindestzustand festgelegt und diese sprang jetzt an. Das gefiel mir. Ich hatte mich schon darauf eingestellt, die DVDs wochenlang weiter bunkern zu müssen, immer auf Abruf, falls jemand sich mal dazu entschließt, eine davon zu nehmen. Ruckzuck waren 10 meiner DVDs raus. Da bekam ich den ersten Schrecken. Es gab keine Versandkostenerstattung in irgendeiner Form und FSK-18-Filme darf ich nicht einfach so per Post verschicken. Ich bin gesetzlich verpflichtet, geeignet sicherzustellen, dass keine Minderjährige die Sendung öffnen kann. Das heißt: Einschreiben + Eigenhändig. Kostet 5,20 Euro bei der Deutschen Post. Argh. Meine Filme hatte ich teilweise für 3 Flips angeboten, je nach Empfehlung von Hitflips. Jetzt ergaben sich dadurch Verlustgeschäfte für mich. Ich entschied mich, einige der besonders ruinösen Tausche zu stornieren. Hitflip wies mich darauf hin, dass bei zu vielen Stornos ich abgestraft werden könnte durch schlechtere Wartelistenplatzierungen. Okay, dann straft mich doch ab. Nach einem Vergleich mit dem Konkurrenten Tauschticket.de fand ich Hitflip sowieso ganz schön teuer. 0,99 Eur pro Film fallen für den „Käufer“ an, bei höheren Flippreisen sogar noch mehr. Das reichte mir jetzt. Ich löschte schnell alle noch nicht getauschten Filme von Hitflip. Versuchen wir es also bei Tauschticket. Das klappte erst einmal leider nicht, weil deren System sich an meinem 20-Zeichen-Passwort heilends verschluckte und Datenbankfehler meldete. Dass es daran lag fand ich erst am nächsten Abend raus.

Um eine ärgerliche Angelegenheit abzukürzen (vielleicht schreibe ich noch einen längeren Artikel über meine Erfahrungen in Welt des Online-Tausches): hitflip.de erscheint mir wie ein sinkendes Schiff. Ich habe für einen Film, den ich für größenwahnsinnige 30 Flips eingestellt habe (um mal zu sehen, ob den jemand kauft) nach 24h auch tatsächlich 30 Flips erhalten. Erst dachte ich: Wie bitte? Dann beschlich mich ein ungutes Gefühl. Es gibt dort womöglich mengenmäßig noch viel einzutauschen, aber nichts von Qualität. Die DVDs, die es dort noch gibt, würde ich mir nicht einmal schenken lassen. Und dank der virtuellen Währung bin ich aber gezwungen, dafür sogar 99 Cent zu zahlen. Denn mit meinen 100 Flips auf dem Konto kann ich ansonsten nichts anfangen. Das ist die Falle dieser Tauschportale: Wer nicht ganz genau darauf achtet, dass er für seine virtuellen Euros/Flips/Billets/Tickets/Tokens auch etwas bekommt, was er haben will, für den ist die Aktivität auf so einem Portal ein einziges Verlustgeschäft. Ich will mich nicht beschweren, ich habe ein paar Horrorfilme gegen die wertlosen Flips getauscht. Hinzu kommt das Porto, was ich blechen musste. Damit komme ich vielleicht auf 50 EUR Verlust. Das ist nun wirklich glimpflich ausgegangen. Wer weiß, welche Traumschlösser an Flips manche andere Nutzer dort aufgetürmt haben? Vermutlich waren 30 Flips für meinen Film, der tatsächlich ganz ordentlich ist, sogar noch zu wenig. Vielleicht hätte ich auch 100 Flips dafür erhalten. Aber was hätte ich davon? Für einen Wirtschaftswissenschaftler ist die Platform vielleicht ein interessanter Forschungsraum. Werden die Preise jetzt ans mögliche Maximum steigen, weil die Leute bereit sind, irrsinnige Preise zu zahlen, um ihre Flips für etwas halbwegs brauchbares zu tauschen? Werden sie den ganzen nutzlosen Ramsch (irgendwelche Single-CDs aus den 90ern) notgedrungen kaufen? Was wird aus meinen einsamen 100 Flips, wenn Hitflips.de dann dicht macht?

Was Hitflip besonders gespenstisch macht ist, dass die Platform in der Regel nicht eine Liste aller angebotenen Artikel anzeigt sondern eine Liste aller anbietbaren oder jemals angebotenen Artikel. Wenn man sich beispielsweise in die Kategorie Filme->Komödie begibt, dann findet man dort 2 Bildschirmseiten von unverkäuflichen Holzklasse-DVDs und dann nur noch tausende von Bildschirmseiten an existierenden Komödien, die niemand auf hitflip anbietet und wahrscheinlich auch nie mehr jemand anbieten wird (wenn er nicht so blöd wie ich ist…). Neben jedem dieser Gespenster steht einfach nur „kein Angebot“ oder „wird nicht angeboten“. Man kann sich natürlich auf die Warteliste setzen lassen. Es ist wie eine Geisterstadt, in der verlassene Häuser herumstehen, überall steht „zu vermieten“ oder „zu verkaufen“…gruselig. Übrigens bereitet es mir auch ein gewisses Vergnügen, mir vorzustellen, dass es Nutzer mit vielen Flips und viel Freizeit gibt, die aus lauter Verzweiflung sich in jede dieser Wartelisten für nicht angebotene Artikel eintragen.

Meine Empfehlung für den Beitritt zu solchen Plattformen deshalb:

Erstmal einen genauen Blick ins Angebot werfen, was denn überhaupt noch verfügbar ist. Lässt sich herausfinden, wieviele Artikel angeboten werden? Und nach einem Beitritt: Nicht gleich die ganze verdammte Sammlung einstellen, nur weil es so schön einfach ist! Mit einer DVD starten, ruhig den Preis deutlich zu hoch ansetzen und abwarten. Wenn sofort jemand zuschlägt, dann stimmt etwas gehörig nicht.

Stromberg und der „Circle of Competence“

Ich schaue mir ab und zu eine Folge Stromberg an. Früher habe ich die Serie kaum ertragen wegen andauerndem Fremdschämen. Entweder bin ich in dieser Hinsicht abgestumpft oder die Serie ist weniger peinlich geworden.

Was mir immer wieder an der Figur Stromberg auffällt ist, dass er das illustriert, was Rolf Dobelli in seinem sehr lesenswerten Buch „Die Kunst des klaren Denkens“ unter Denkfehler #15, „Das Chauffeur-Wissen“, beschreibt:

Warren Buffet […] verwendet einen wunderbaren Begriff: >>Circle of Competence<<. Zu Deutsch: Kompetenzkreis. Was innerhalb des Kreises liegt, versteht man wie ein Profi. Was außerhalb liegt,versteht man nicht oder nur zum Teil. Buffetts Lebensmotto: >>Kennen Sie Ihren Kompetenzkreis, und bleiben Sie darin. Es ist nicht so furchtbar wichtig, wie groß dieser Kreis ist. Aber es ist furchtbar wichtig zu wissen, wo genau die Kreislinie verläuft.<< Charlie Munger doppelt nach: >>Sie müssen herausfinden, wo Ihre Talente liegen. Falls Sie ihr Glück außerhalb Ihres Kompetenzkreises versuchen, werden Sie eine lausige Karriere haben. Ich kann es Ihnen fast garantieren.<<

Stromberg hätte Komiker werden sollen oder Schriftsteller oder etwas ähnliches. In einem solchen Job hätte er sein Talent als Sprücheklopfer und Wichtigtuer voll ausspielen können. In der Versicherung dagegen muss er fortwährend versuchen seine Inkompetenz durch Intrigieren, Delegieren und Arschkriechen zu kompensieren.

Ganz anders liegt die Sache übrigens bei der Hauptperson des amerikanischen Pendants zu Stromberg, „The Office“ (übrigens eine sehr sehr lustige Serie, ich empfehle sie uneingeschränkt): Michael Scott. Dieser ist eigentlich ein äußerst begabter Verkäufer in der Haut eines sozial gestörten Mitt-Vierzigers. Trotz chronischer Zeitverschwendung und sozialer Inkompetenz ist seine Zweigstelle die profitabelste des Unternehmens (wobei man sich jetzt vielleicht darüber streiten kann, ob dies ihm zu verdanken ist).